Was passiert in Semzînan? Türkisches Staatsgebiet unter Kontrolle der Guerilla

31. Juli 2012 23:034 commentsViews: 18

Seit dem 23. Juli nun schon finden in Semzînan ( türk. : Semdinli ) heftige Gefechte zwischen der HPG-Guerilla der PKK und der türkischen Armee statt. Seit dem 23. Juli schwiegen weite Teile der türkischen und internationalen Medien zu diesen Vorfällen. Doch seit zwei Tagen berichten nun auch vermehrt türkische Medien über diese Gefechte, die Wahrheit um Semzînan konnte nicht länger versteckt werden. Selbst die deutsche TAZ schrieb heute in einem Absatz eines Artikels darüber, dass in Semzînan die Guerilla weite Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht hätte und die Gefechte weiter andauern würden. Türkische Medien berichteten vermehrt um die Gefechte, doch ließen in ihrer Berichterstattung über den bisherigen Ausgang starke Zweifel aufkommen.

Beginn der Kämpfe & Misstrauen der türkischen Öffentlichkeit gegenüber Berichterstattung

Wie die ANF fortlaufend berichtete, fanden am 23. Juli in Semzînan Straßenkontrollen durch die HPG-Guerilla statt. Nach dieser 1-stündigen Aktion zog sich die Guerilla zurück. Die türkische Armee startete infolgedessen eine klein angelegte Militäroperation in dem Gebiet. Laut örtlichen Angaben und den Angaben der Guerilla bombardierte die türkische Armee mit Helikoptern und Mörsergranaten die möglichen Routen der Guerilla. Ohne Erfolg.

Tags zuvor schoss die HPG-Guerilla in nahe gelegenem Gebiet ein Helikopter der türkischen Armee ab, bei dem mehrere Soldaten starben und mehrere verwundet wurden. Die türkische Armee ließ es als ein ‘Unfall’ der Presse mitteilen, welches aber von der türkischen Öffentlichkeit stark bezweifelt wurde.
Es ist in letzter Zeit aufgrund von Leserkommentaren zu den Artikeln türkischer Medien zu bemerken, dass ein Misstrauen gegen die Berichterstattung entstanden ist. So heißt es des öfteren in den Foren “Was ist jetzt mit den 300 PKK’lern die man vor zwei Tagen angeblich eingekesselt hatte? Sind diese etwa auch aufgrund des Vorteils der Dunkelheit entkommen?“, “Ich glaube nicht, dass es ein Unfall war. Beim abgeschossenen Flugzeug in Syrien war es auch ein Unfall erst, dann doch nicht und dann wieder ein Unfall, was sollen wir nun glauben?“, “Jedes mal das selbe Spiel. Es werden Terroristen entdeckt, dann hört man tagelang nichts mehr darüber. Wie schaffen die es immer wieder mit 10-20 Mann Angriffe zu starten?“.

Ergänzt wird dieses Misstrauen seit langem durch Äußerungen türkischer Oppositionspolitiker. Der CHP-Politiker Muharrem Ince löste beispielsweise vor knapp zwei Monaten ein Eklat zwischen AKP- und Oppositonspolitikern aus, als er bei einer Presseerklärung verlauten ließ, dass in einer Kampfhandlung zwischen der PKK und der türkischen Armee, nicht acht, wie angegeben, sondern über hunderte Soldaten getötet wurden und die türkische Regierung dies vor dem Volk verheimlichen würde. Diese Angaben bewahrheiteten sich spätestens dann, als binnen einer Woche im Colemerg’er Staatskrankenhaus elf Leichname türkischer Soldaten unter der Angabe, sie hätten Selbstmord begangen, den Familien zugesandt wurden.
Die türkische Regierung verheimlicht also ihre Verluste und die Wahrheit. Wegen dem Misstrauen der Bevölkerung können sie sich keine weiteren ‘negativen’ Ergebnisse im Kampf gegen die PKK leisten und so wird so viel geheim gehalten, wie nur möglich. Welcher Staat würde schon öffentlich seine Schwäche und Unterlegenheit offenbaren? So auch in diesem Fall, doch das Misstrauen wächst weiter, da schon neue Diskussionen um die Vorfälle in Semzînan angefangen haben.

Guerilla zieht sich nicht zurück, Verdacht auf Chemiebomben und 17 Spezialeinheitskräfte werden vermisst

Am 24. Juli führte die Guerilla am selben Ort wie tags zuvor eine mehrstündige Straßenkontrolle durch. Die am 23.Juli begonnene Operation der türkischen Streitkräfte wurden von der Guerilla zurückgeschlagen und die Kampfhubschrauber, sowie die eingesetzten Bodentruppen mussten sich zurückziehen. Es wurde seitens der Guerilla gemeldet, dass man am 24. Juli bei einer erneuten, diesmal groß angelegten Offensive der türkischen Armee, vier strategische Punkte verteidigen konnte. Die Guerilla benutzte unter Anderem Flugabwehrwaffen. Diese Angaben wurden zuvor durch die örtlichen Dorfbewohner bestätigt, die die Erlebnisse der DIHA-Nachrichtenagentur erzählten. Zur selben Zeit titelten die türkischen Online-Zeitungen, dass bei diesen Gefechten 15 HPG-Kämpfer ums Leben kamen. Psychologische Kriegsführung und falsche Angaben, damit die Erwartungen des türkischen Volkes erfüllt werden können, denn in zwei Tagen darauf wurde keine einzige Leiche in die Krankenhäuser zur Obduktion gebracht. Stattdessen häuften sich die Anzeichen auf einen möglichen Einsatz von Chemiebomben. Die Dörfler verließen aufgrund von Wahrnehmung vom Geruch fauler Äpfel und die anhaltenden Bombardierungen ihre Dörfer und schilderten es der Presse. Sie erzählten, dass die türkische Armee vor allem von der Luft angreift, weil sie auf dem Land nicht vorrücken könnten. Ein Helikopter musste aufgrund von starker Beschädigung notlanden und viele Krankenwagen in Begleitung von Panzern wurden zum Gefechtsort geordert. Von mehreren Militärkasernen aus wurden mögliche Stellungen der Guerilla unter Mörserbeschuss genommen. Bei diesen Bombardierungen sind laut der HPG, 4 ihrer Kämpfer ums Leben gekommen. Die Guerilla berichtete, dass bei den Gefechten am 24. Juli allein über 30 Soldaten ums Leben gekommen seien, die mit Einbruch der Dunkelheit von den Helikoptern abtransportiert wurden. Die Orderung von Krankenwagen in Panzerschutz, die Sperrung der Straßen und Gebiete zum Kampfort, und das Abstellen der Stromversorgung in die Dörfer nach der Berichterstattung durch die Dörfler, lassen erahnen, dass die türkische Regierung erneut ihre Verluste verheimlicht hat. Am Morgen des 25. Juli wurde bekannt, dass 70 weitere gepanzerte Militärfahrzeuge mit Soldaten nach Semzînan verlegt wurden. Kurze Zeit später kamen die Meldungen, dass weitere Dörfler ihre Dörfer verlassen und ins Zentrum ziehen. Gleichzeitig wurde berichtet, dass 17 Spezialeinheitskräfte, die mit dem Helikopter zum Kampfort gebracht worden sind, vermisst werden. Diese Meldung erschien auch kurz in ein paar türkischen Agenturen, doch kurze Zeit später waren diese Meldungen plötzlich nicht mehr zu lesen. Zensur von oberer Stelle? Am 29. Juli wurde ein Bericht veröffentlicht, nachdem 11 Leichname ins Krankenhaus von Amed gebracht worden seien und weitere 6 in der größten Militärkaserne von Semzînan seien. Sechs Leichname seien unverkennbar verbrannt gewesen und die anderen 11 konnten von den Soldaten als ihre Kameraden identifiziert werden. Kann es sein, dass die türkische Luftwaffe ausversehen ihre eigenen Männer bombardiert hat? Die Gefechte nahmen an Intensität zu, aber trotzdem schaffte es die Guerilla weiter vorzurücken. In mehreren Gebieten wurden Straßenkontrollen gemacht und weitere Stellungen wurden bezogen. Die Guerilla griff im selben Zeitraum auch andere Militärkasernen und herbeieilende Verstärkungskräfte ( allein 180 gepanzerte Militärwagen am 25. Juli) an, bei dem mehrere Soldaten ums Leben kamen. Zeitgleich wurden auch in anderen Gebieten Kurdistans heftige Gefechte gemeldet, so im selben Zeitraum mehrere in Dêrsim, Erzîngan, Gever und Wan.

Guerilla rückt bis auf das Zentrum Semzînans vor – Türkische Experten sprechen von dem schwersten Angriff aller Zeiten

Während die kurdischen Medien und ortsansässige Medien weiterhin aktuell über die Geschehnisse berichteten, kamen in den türkischen Medien kaum Meldungen über die Geschehnisse. Die kurdischen Medien wurden verstärkt Hackerattacken ausgesetzt um ihre Server lahm zu legen. Doch an der Tatsache, dass die Guerilla mit mehreren hundert Kämpfern und schwerer Artillerie sich behaupten konnte, änderte dies nichts. So meldete am 26. Juli die Guerilla keine Aktivitäten der Bodentruppen der türkischen Armee. Die Bombardierungen hielten weiterhin an, die Guerilla griff weitere Kasernen und Militärkonvois an, führte weiterhin Straßenkontrollen durch. Die türkische Armee bombardierte vermehrt die wäldlichen Gebiete und ließ so einen Waldbrand entstehen, was sich immer noch bis heute  auf die Wohngebiete der Zivilisten erstreckt. Mehrere Hektar Wald sind von den Flammen betroffen. Während die türkische Armee sich auf neue Attacken vorbereitete, griff die Guerilla am 28. und 29. Juli die Bodentruppen und einige Militäreinrichtungen, unter denen die größte Einrichtung Semzînans an. Hierbei wurde gemeldet, dass am 28. Juli bei einer Offensive der Guerilla 15 Soldaten getötet worden seien und bei den anderen Attacken die Verluste der türkischen Armee man nicht feststellen konnte. So wie die türkische Regierung hier weiterhin die Geschehnisse verschwieg, gab es doch eine Wahrheit: Nämlich, dass bis zu diesem Zeitpunkt nachweislich über tausend Menschen in der Gegend aufgrund der schweren Gefechte ihre Dörfer verließen. So führte das dazu, das erst in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli es in die türkische Presse sickerte, dass bei einer Kampfhandlung zwei Soldaten starben und weitere 10 verletzt worden seien. In der Zeit bis zum 29. Juli wurde ausserhalb Semzînans, in Dêrsim eine Militärkaserne mit Raketenwerfern angegriffen, später ein Hubschrauber abgeschossen und kurze Zeit später darauf erneut eine Militärkaserne überrannt. Außerdem wurden in Sirnex, Wan und Amed weitere Gefechte vermeldet, bei dem es in die türkischen Medien gelang, dass in Amed und Sirnex 4 Soldaten getötet wurden. Dies zeigt, dass die Guerilla in ganz Kurdistan immer noch die Stärke hat zuzuschlagen und es nicht auf ein Gebiet fixiert ist. Am 30. Juli vermeldete die Guerilla, dass man am 29. Juli mit schwerer Ausrüstung mehrere Militärstützpunkte angegriffen habe. Bei den Angriffen seien bis zu 49 Soldaten gestorben. Die Guerilla vermeldete außerdem, dass ein Kampfhubschrauber abgeschossen worden sei und es kurze Zeit später abgestürzt sei. Ein Kommandant der HPG sprach am selben Tag in einer Pressemitteilung von einer revolutionären Operation, bei der man sich nicht zurückziehen werde. Mehrere Gebiete seien unter der Kontrolle der Guerilla und die türkischen Bodentruppen würden sich immer weiter zurückziehen. Erst nach der Pressemitteilung des HPG-Kommandanten und das Durchsickern der Nachricht, dass bei einer Kampfhandlung 2 Soldaten starben, waren die türkischen Sicherheitsorgane dazu genötigt Stellungnahme zu beziehen. Mehrere türkische Zeitungen und Journalisten diskutierten über die Geschehnisse in Semzînan. Dadurch, dass die örtlich regierenden BDP-Politiker seit den Gefechten, die Geschehnisse schilderten und versuchten in den Kampfort zu gelangen, wurden die türkischen Medien darauf ebenso aufmerksam. So hieß es auf Berufung auf militärische Kreise in der größten Tageszeitung der Türkei, man habe die ‘Terroristen’ unter Kontrolle, aber könne keine Auskunft über die Verluste der PKK-Kämpfer machen, weil man noch keine Suchaktion starten konnte. Dass sie keine Suchaktionen starten konnte, deckt sich mit den Angaben der Guerilla, dass sie diese Gebiete kontrollieren und die türkischen Bodentruppen nicht vorankommen. In dieser Zeit wurden bei den Straßenkontrollen der HPG zwei Politiker der regierenden AKP-Partei mitgenommen. Die türkische Regierung verschweigt auch dies und kümmert sich nicht um ihre eigenen Politiker.  Erst heute wurde in fast allen türkischen Medien über die anhaltenden Kämpfe berichtet, nachdem das türkische Militär verlauten ließ, dass bislang angeblich 22 HPG-Kämpfer ums Leben kamen. Türkische Sicherheitsexperten schrieben daraufhin unter Berufung auf militärische Quellen, dass es der schwerste Angriff der PKK aller Zeiten wäre. Diesmal würden sie nicht abhauen, sondern sich verteidigen, was eine unerwartete Handlung sei. Dies deckt sich ebenso mit der Aussage des HPG-Kommandanten, dass man sich nicht zurückziehen werde. Den Angaben des türkischen Militärs zufolge seien 500 Kämpfer der HPG mit jeweils 6 schweren und 6 mittleren Flaks (Flugabwehrwaffen) im Semzînaner Gebiet. Woher weiß die türkische Armee das? Haben sie die Kämpfer durchgezählt? Oder haben sie einen Angriff dieser Art auf eine ihrer Kasernen erlebt und dabei die Verluste verschwiegen? Die türkische Armee und die türkische Regierung konnten nicht weiterhin die Wahrheit um Semzînan komplett verschweigen. Indirekt geben sie es zu, dass die HPG dort die Kontrolle inne hat. Doch stellt sich eine Frage, wie wahr die Angaben sein können, wenn es der ‘schwerste Angriff aller Zeiten‘ ist, dass nur 2 Soldaten bislang nur gestorben sind? Wie lange werden sie, abgesehen von der politischen Schwäche, ihre militärische Schwäche noch geheim halten können? Wieso setzen sie immer noch auf die militärische Karte, wenn sie damit kein Erfolg verbuchen können? Auf all dies muss die türkische Gesellschaft so langsam eine Antwort finden können und auch müssen. Damit dies nicht geschieht, heizen die türkischen Medien die Stimmung weiterhin an und versuchen davon abzulenken indem sie behaupten, dass dies ein geplanter Angriff der PKK sei, damit in der Türkei ähnlich wie in Syrien ein Chaoszustand entsteht und in der Türkei ein Nordkurdistan-Szenario sich bildet, wo die Kurden in Syrien so unbeheiligt Kurdistan aufbauen können ohne das die Türkei da eingreift. Dazu solle die PKK geplant haben, 150 Soldaten umzubringen und 50 weitere als Geiseln zu nehmen. Die Schuldigen für die neuerlichen Angriffe seien laut Militärexperten der Irak, Syrien und der Iran, die die PKK bei dieser Offensive unterstützen würden. Einige westliche Länder seien ebenfalls daran Schuld und würden es begrüßen, da sie von den türkischen Interessen in Syrien nicht erfreut wären. In diesem Punkt eine erneute Gegenfrage: Wie kann es sein, dass bei den “schwersten Angriffen aller Zeiten” nur 2 Soldaten sterben? Den Angaben der Guerilla zufolge und den Angaben der Dorfbewohner zufolge, sind schon weitaus mehr als 100 türkische Soldaten gestorben und viele weitere verletzt. Abgesehen davon, was ist mit der inzwischen 1-jährigen Totalisolation des PKK-Führers Öcalan? War es nicht die HPG, die sagte, dass die ‘Geduldsgrenze jetzt überschritten wäre’ im Thema Öcalan und man sich mit allen Mitteln wehren würde? Bei einer Einmischung in die Angelegenheiten in Westkurdistan alle Kräfte mobilisiert werden würden? Während die türkische Öffentlichkeit sich weiter um das Thema den Kopf zerbricht, rückte die Guerilla bis zu einem Kilometer auf das Zentrum Semzînans vor. Die Guerilla attackierte 1km vom Zentrum  mehrere Panzer mit Flaks und schwerer Artillerie , die zu den verlorenen Gebieten aufrücken wollten. Die angeorderten Helikopter wurden ebenfalls attackiert. Die Panzer, sowie die Helikopter mussten schwer beschädigt zurückkehren. Die Guerilla behauptet sich immer noch gegen über 10.000 Soldaten, Luftangriffe und den psychologischen Krieg und die Türkei versucht immer noch mit aller Kraft die Wahrheit zu verstecken …

 

Diekurden.de

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